Hitchhiken in Neuseeland – eine Gebrauchsanweisung

Hitchhiken und Neuseeland. Zwei Dinge die nicht voneinander trennbar erscheinen. Wer auch nur einen Fuß aus dem Flugzeug, hinein in die Straßen Neuseelands setzt weiß was ich meine. Daumen nach oben streckend steht ein Herr mittleren Alters an der Straße vor dem Flughafen. Nehmt mich bitte mit! Möchte er sagen. Er wartet auf seine Mitfahrgelegenheit. Lange stehen muss er nicht, schon bald kommt ein Auto neben ihm zu stehen, er nimmt auf dem Beifahrersitz platz, teilt dem Fahrer sein Ziel mit. Er hat Glück. Der Fahrer wird ihn mit in die Stadt nehmen.

Klingt easy oder? Die gute Nachricht? Ist es auch!

Aber halt mal kurz: Hitchhiken wie nennt man das eigentlich in Deutsch? Wir überlegen, und überlegen. So richtig mag uns nichts einfallen. „Trampen“ vielleicht? Oder doch eher: “ Auf eine Mitfahrgelegenheit hoffen“? Wir wundern uns, wieso wir uns darüber nicht schon früher Gedanken gemacht haben. Aber mal ehrlich, wann taucht die Aktion der Mitfahrgelegenheit schon mal auf in Deutschland? Wir fragen Google Translate, dann LEO.org, dann (aus Frust) eine Hand voll anderer Onlineübersetzer. Die Antwort ist ernüchternd. Mit dem Daumen nach oben gestreckt an der Strasse zu stehen, nennt man „Trampen“ (juhuu wir lagen ganz richtig) oder „Autostoppen“. „Autostoppen“, fragen wir uns, „was soll das denn sein?“ Diesen Begriff haben wir ja wirklich noch nie gehört (klingt für uns eher nach übernatürlichen Kräften :D).

„Hitchhiken, das machen doch nur Reisende die kein Geld mehr haben.“

Na seid ehrlich, wer hat diesen Satz nicht auch schon mal irgendwo gehört? Wir leider schon viel zu häufig, deshalb wollen wir dieses Vorurteil einmal geradestellen:

Hitchhiken ist in Neuseeland ein Teil der Kultur!

Ihr werdet nicht nur auf Neuseeländer treffen, welche das Hitchhiken nutzen als wäre es ihre Busverbindung nach Hause, sondern genauso auf tausende Kiwis die euch in ihren Fahrzeugen mitnehmen werden.

Von etwa 30 Hitchhikes in den letzten drei Monaten, wurden wir ganze zwei (!) Mal von anderen Reisenden mitgenommen. Und die anderen Mitfahrgelegenheiten? Das waren Kiwis! Klar, denkt ihr euch vielleicht jetzt, die Wahrscheinlichkeit von einem Einheimischem mitgenommen zu werden ist ja rein rechnerisch auch viel größer.

Ist das so? Unserer Bauchgefühl schreit gerade laut „NEEEIN“! Wenn wir hitchhiken rauschen weit, weit mehr Touri-Mietwagen oder Campervans an uns vorbei als Einheimische. Ein Blick auf die Statistiken hier (Toursim New Zealand Website) bestätigt diese Vermutung. Jährlich kommen weit über eine Millionen Besucher in Neuseeland an und viele bleiben bis zu zwölf Monate. Dabei leben gerade einmal 500.000 Menschen dauerhaft außerhalb von Christchurch auf der Südinsel. Und auf der Nordinsel? Zu dieser können wir nicht allzuviel sagen, dort sind wir nur ein einziges Mal getrampt. Über Erfahrungen eurerseits würden wir uns aber freuen!

Wieso wird man trotz alle dem, fast nie von Touristen mitgenommen?

Zu aller erst: weil die meisten Neuseeländer einfach so unglaublich freundlich sind. „Kiwi hospitality“ ist so etwas wie das Markenzeichen der Neuseeländer. Ein Charakterzug, ein Stück Kultur, etwas womit man sich als waschechter Kiwi identifizieren möchte. Wie häufig wurde der Versuch unsererseits uns mit einem Kaffe zu bedanken mit einem „Ach quatsch, ihr braucht euch nicht bedanken, aber wenn ihr mal wieder in der Gegend seid dann ruft an und kommt vorbei!“ abgetan. Und dann stehen wir da, mit offenem Mündern, fast schon schockiert von soviel Herzlichkeit.

Das soll jetzt übrigens nicht heißen, dass Neuseelands Besucher unfreundlich und nicht hilfsbereit sind. Viele Campervans haben aufgrund des eingebauten Bettes nicht die Möglichkeit eine zweite, oder gar dritte Person im Camper zu transportieren. Klar, macht Sinn. Und all die Anderen? Nun, wir können natürlich nur raten. Fakt ist allerdings: Das „Trampen“ gehört in Europa, China und co. nicht zum Alltag. Und was der Bauer nicht kennt, das isst er bekanntlich ja auch nicht. 😉

Wieso sollte ich überhaupt hitchhiken?

Gute Frage! Immerhin ist es nicht unbedingt die bequemste Art zu Reisen. Alles ist ungewiss: Wie lange ihr warten müsst. Wie weit ihr mitgenommen werdet. Werdet ihr euch mit dem Fahrer verstehen? Ob ihr eure Beine im Auto austrecken werdet oder ihr den gesamten Haushalt des Autobesitzers auf dem Schoß balancieren werdet.

Klingt zu abenteuerlich für euch? Dann bucht euch lieber den nächsten Bus! Für alle Anderen: ihr werdet viel Spaß haben, ihr werdet unglaublich viele spannende (und vielleicht lebenslange?) Bekanntschafen machen, die Zeit im Auto wird vorbeifliegen und wenn ihr euch an eurem Zielort von dem Fahrer verabschiedet werdet ihr euch wundern wo sie nur geblieben ist. Für uns ist genau DAS der Grund wieso wir das Hitchhiken so lieben.

Das Trampen birgt aber auch noch andere Vorteile, welche unserer Meinung nach aber niemals zum alleinigen Grund werden sollten:

Ihr spart Geld! Natürlich, hitchhiken ist eine ziemlich kostengünstige Methode ein Land zu bereisen. Außer eventuell um einen Kaffee für euren Fahrer zu holen, könnt ihr euer Portemonnaie also in der Tasche lassen.

Ihr kommt an Orte an welche kein Bus fährt! Und kommt von dort natürlich auch wieder weg. Ihr erreicht die undenkbarsten Orte. Wir sind immer wieder aufs neue verwundert. 70 Kilometer Schotterstrasse hinein ins Backcountry hitchhiken? Kein Auto, kein Haus, kein Netz? Klingt nicht möglich ? Ist es. Wie dankbar wir die letzten Monate waren, als wir nach mehreren Tagen mitten im Nichts an eben diesen Schotterstrassen stehen und uns endlich (und gegen jedliche Erwartung) doch wieder jemand mitnimmt? Nicht viele Fahrzeuge werden hier vorbeikommen, vielleicht eine Hand voll am Tag. Aber wenn dann endlich eine Staubwolke am Horizont zu sehen ist, könnt ihr euch schon fast sicher sein, gleich sitzt ihr im Auto.

Tipps für das Hitchhiken

1. Habt Geduld.

Wahrscheinlich wird nicht gleich das erste Auto anhalten. Am Anfang haben wir uns gefragt, ob wir etwas falsch machen, als Auto nach Auto an uns vorbei gerauscht ist. Wartet ab, auch wenn es euch schwer fällt. Haltet euch vor Augen: Nicht jedes Auto hat Platz für euch, einige haben es eilig, andere biegen schon an der nächsten Kreuzung ab. Länger als eine Stunde haben wir bisher erst ein einziges Mal gewartet, Geduld lohnt sich also.

2. Kleine Gruppen.

Ihr steht zu dritt an der Straße und wundert euch wieso niemand anhält? Teilt euch auf, trampt nacheinander oder lasst zumindest maximal zwei Leute an der Straße stehen, während sich die Anderen im Hintergrund aufhalten. Wenn jemand anhält könnt ihr immer noch fragen, ob nicht auch Platz für eure Freunde ist. Umso mehr Personen ihr seid, desto schwieriger wird es jemanden zu finden der anhält. Zu große Gruppen schrecken Autofahrer ab, auch wenn sie eventuell genug Platz für euch alle hätten, weil dies oftmals mit einem größeren Aufwand für sie verbunden ist, euch und euer Gepäck gut zu verstauen.

3. Der erste Eindruck zählt.

Die Autofahrer haben nur wenige Sekunden um sich zu entscheiden euch mitzunehmen. Steht ihr mit Kippe im Mund und tief ins Gesicht gezogener Kapuze am Straßenrand stehen eure Chancen erdenklich schlecht. Wenn wir von einem langen Wandertag kommen, ziehen wir uns IMMER erst einmal frische Klamotten an und versuchen auch wenn möglich vorher zu duschen. Wir wollen ja nicht das Auto unserer lieben Fahrer vollstinken. 😉

4. Schild ja oder nein?

Die Schilder die die Destination angeben, kennt ihr ja bestimmt. Wir nutzen jedoch so gut wie nie eines. Unsere Erfahrung sagt, dass es Fahrer, welche nicht eure exakte Zieldestination ansteuern, davon abhält anzuhalten. Dabei ist es doch besser wenigstens die Hälfte der Strecke mitgenommen zu werden, als gar nicht, oder? Schilder nutzen wir nur für Kurzstrecken, oder in Ortschaften, wo unklar ist wohin wir denn wollen. Zum Bespiel nutzten wir ein Schild mit der Aufschrift „Queenstown“ nachdem wir von einem anderen Fahrer in einer Shoppingmall 10 Kilometer außerhalb von Queenstown abgesetzt wurden. So wussten die Leute, dass sie uns nicht lange an der Backe haben und in welche Richtung wir wollten, was aufgrund der vielen Kreuzungen dort mehr als unklar war. Nach fünf Minuten saßen wir schon in einem Auto.

5. Lauft nicht mit dem Highway mit.

Bleibt an Stellen stehen, an denen ein Fahrzeug ohne Probleme stoppen kann. Was bringt es euch einen geeigneten Platz zu verlassen und weiterzulaufen, nur weil es sich besser anfühlt als handlungsunfähig wartend die Zeit verstreichen zu lassen? Ihr verpasst eventuell eure Chance mitgenommen zu werden und sowieso sinkt eure Erfolgsquote weil Fahrer gerne das Gesicht des Trampers sehen möchten um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen.

6. Positive Ausstrahlung.

Ihr wartet schon seit einer kleinen Ewigkeit, es regnet und ihr wollt einfach nur jeden verfluchen der nicht für euch anhält? Jetzt der schlechten Laune ihren Lauf zu lassen, wird eure Chancen gegen null sinken lassen überhaupt noch einen Hitch zu bekommen. Die Fahrer wollen doch keinen Griesgram in ihrem Auto haben. Ein Lächeln wirkt Wunder, glaubt uns.

7. Kleines Gepäck.

Letztens haben wir einen Hitchhiker gesehen, der mit seiner Schaumstoffmatratze am Straßenrand stand. Wir wollen nicht behaupten, dass es unmöglich ist mit Sperrgepäck wie diesem zu trampen. Fakt ist aber, umso mehr Gepäck ihr habt, desto schwieriger wird es. Das zusätzliche Kuschelkissen lasst ihr also lieber im Hostel.

8. Nutzt Hitchwiki.

Hitchwiki ist eine Website, die Tipps für das Hitchhiken in verschiedenen Ländern umfasst. Die generellen Tipps für Neuseeland sind etwas kurzgefasst, umso besser sind dafür die Tipps für Neuseelands größere Städte. Wir haben es insbesondere in Dunedin verwendet, und der Tipp für den Hitchhiking Spot Richtung Christchurch war Gold wert.

9. Nehmt nicht nur, gebt auch.

Während wir letztes Jahr, als wir Neuseeland mit einem Auto bereisten, reisende Hitchhiker mitgenommen haben, sind wir nun selbst diejenigen die mit dem Daumen nach oben an der Straße stehend, darauf hoffen mitgenommen zu werden. Beim Trampen geht es nicht nur darum einen kostenlosen Lift zu bekommen. Ihr habt kein eigenes Auto? Gebt dem Fahrer einen Kaffee an der Tankstelle aus, seid kreativ.

Wie sicher ist das Trampen in Neuseeland?

Unserer Erfahrung nach ziemlich sicher, wir haben bisher keine einzige schlechte Erfahrung gemacht. Trotzdem hört man immer wieder die ein oder andere Gruselgeschichte. Ob darin etwas Wahrheit steckt oder nicht lässt sich im Nachhinein recht schwer sagen. Fakt ist jedenfalls: Passt auf bei wem ihr in das Auto stiegt! Der Typ ist euch irgendwie nicht geheuer? Steigt nicht ein! Ihr traut euch nicht alleine zu trampen? Sucht euch einen Partner (gut dafür eignen sich Facebookgruppen wie „Backpackers New Zealand“)! Seid nicht leichtsinnig und denkt nach was ihr tut, hört auf euer Bauchgefühl. Aber lasst euch auch nicht von Anderen unnötig verängstigen, wir haben bisher niemanden getroffen, der in eine unangenehme Situation geraten ist.

Unsere Erfahrungen mit dem Hitchhiken und wieso wir es nutzen.

Ihr wandert doch durch Neuseeland, wie kommt es, dass ihr dann so oft Mitfahrgelegenheiten nutzt? Eine berechtigte Frage natürlich. Der Te Araroa Trail (was das ist erfahrt ihr hier) bringt immer wieder logistische Probleme mit sich. Dann steht man plötzlich an einem reißendem Fluss den man laut Trailbeschreibung umfahren soll. Oder der nächste Supermarkt zum auffüllen der Nahrungsvorräte liegt 50 Kilometer vom Wanderweg entfernt. Oder der Trail hört mitten im Nirgends an einer Schotterstrasse auf, die so aussieht als wäre sie nicht einmal auf einer Karte verzeichnet. Und dann wir stehen dort, ohne Netz, und hoffen auf einen Hitch.

Oftmals hätten wir im Vorhinein ein Taxi bestellen können, ohne Frage. Aber der Grund weshalb wir das Hithhiken auch nutzen wenn wir nicht darauf angewiesen sind und wir nicht wandern, ist einfach weil wir es lieben. Es ist so wunderschön spontan, wir können uns treiben lassen vom Zufall, ohne Route ohne Plan. Wir reisen soweit wie wir kommen. Wir lernen neue Menschen kennen, ab und zu entstehen längerfristige Bekanntschaften daraus. Erst vor zwei Tagen sind wir von Te Anau bis nach Christchurch getrampt. Zwei Tage, über 600 Kilometer. Wir waren am Strand mit Dave und seinen Bordercollies.

Wir haben über jedes erdenkliche Thema gequatscht, gelernt und gelacht. Von der gescheiterten Beziehung bis zur Politik in Deutschland, aber vorallem hatten wir so unglaublich viel Spaß.

Probiert es aus!

Miri und Micha


3 Gedanken zu “Hitchhiken in Neuseeland – eine Gebrauchsanweisung

    1. Hey ! Leider ist es nicht so beliebt in Deutschland. Da es jedoch für Neuseeländer schon vor 30 Jahren normal war auf Weltreise zu gehen mit einem geringen Budget, wissen sie wie es ist und sind sehr hilfsbereit. Selbst Rentner Hitchhiken öfter um zur nächsten Stadt zu gelangen. Ist echt genial dies zu erleben. Liebe Grüße aus Neuseeland!

      Gefällt mir

  1. ich war schon dort. Andere (und viel weniger) Menschen, andere Bedingungen, andere Kultur. Ich habe mich noch nirgends so safe gefühlt wie in Neuseeland. Hat alles Vor- und Nachteile und ist mit dem Leben in Deutschland nicht vergleichbar. Liebe Grüße aus dem winterlich-sonnig-kalten Dortmund, Annette

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s